Kreisgruppe Bergstraße

Nachruf auf Noel Stanton

02. Juli 2020

Noel Stanton ist tot. Er war über viele Jahrzehnte ein Wegbegleiter des BUND Mörlenbach, engagierter Mitstreiter und Ideengeber. Wir trauern um einen besonderen Menschen.

Noel Stanton (* 8.3.1941, † 25.5.2020)

Mitte der 1970er Jahre: Im Weschnitztal bildeten sich in allen Gemeinden BUND-Ortsverbände. Anlass dafür war die Planung einer B 38-Schnellstraße von Weinheim bis hinter Fürth-Krumbach. Mit der Ausweisung des Landschaftsschutzgebietes Bergstraße/Odenwald im Jahr 1975 war die Trassenführung um Rimbach und Fürth zunächst vom Tisch. Umso heftiger gestaltete sich die Auseinandersetzung um die Trassenführung um Mörlenbach. Das war die Zeit, in der Noel Stanton mit einer bahnbrechenden Idee zum BUND stieß, die fortan unter der Bezeichnung „Stanton-Variante“ diskutiert wurde, auch wenn er selbst lieber bescheiden den Begriff „Westverdolungsvariante“ verwandte. Westverdolung deshalb, weil die Planungsvariante des damaligen Amtes für Straßen und Verkehrswesen (ASV) Bensheim (heute Hessen Mobil) eine Umgehung Mörlenbachs im Osten in offener Bauweise mit massiven Eingriffen in Natur und Landschaft vorsah, während Noels Vorschlag darin bestand, dass man unter der westlich von Mörlenbach verlaufenden Bahnlinie die Straße in einen Betontrog legen könnte.

B 38 a: Modell macht Landschaftzerstörungen deutlich

Noel steckte viel Zeit und großen Aufwand in ein Modell, das die Eingriffe der geplanten Ostumgehung plastisch darstellte und welches als ideale Grundlage für die Öffentlichkeitsarbeit diente, wie man dem Artikel vom 22. Dezember 1983 in der Odenwälder Zeitung entnehmen kann (siehe unten).

Doch alle guten Vorschläge zu Alternativen für die naturzerstörende Ostumgehungsplanung stießen bei Planern und Politikern auf taube Ohren. So kam es, wie es kommen musste: Drei Naturschutzverbände und eine Reihe betroffener Landwirte reichten gegen den im Jahr 1987 erlassenen Planfeststellungsbeschluss Klage vor dem Darmstädter Verwaltungsgericht ein. Noels Überlegungen und Vorschläge bildeten eine wesentliche Grundlage für die Klagebegründung und waren damit Voraussetzung für den Klageerfolg im November 1990.

Erfolg: Naturschutzgebiet statt Schnellstraße

Wo die B 38 a eine Schneise durch die Landschaft geschlagen hätte, ist heute das Naturschutzgebiet „In der Erbach“ ausgewiesen. Im BUNDmagazin wurde der Erfolg gewürdigt unter der Schlagzeile: Naturschutzgebiet statt Schnellstraße.

Der gerichtliche Vergleich im August 1993 sah eine Neuplanung der Umgehung von Mörlenbach vor. In den vom ASV Bensheim einberufenen Arbeitskreissitzungen zur Vorbereitung der Planung spielte erneut die Stantonvariante eine zentrale Rolle. Schnell kamen aber wieder die alten Vorbehalte zum Tragen. Vor allem wurde damit argumentiert, dass die Bahn nur mitziehen würde, wenn man während der Bauphase den Bahnbetrieb weiterführen könnte, was zu enorm hohen Kosten führen würde. Der daraufhin seitens des BUND ins Spiel gebrachte Vorschlag einer bergmännischen Untertunnelung Mörlenbachs erregte Aufsehen und zwang die Planer, sich ernsthaft mit dieser Idee auseinanderzusetzen. Das Umweltverträglichkeitsgutachten wies die Westvarianten W1 bis W4 als die mit Abstand umweltverträglichsten Alternativen aus, weit dahinter lagen die Ostvarianten, die mehr oder weniger offen durch die Landschaft geplant waren, auch wenn die Eingriffe der letztlich planfestgestellten Variante O2 aufgrund von Tunnelstrecken gegenüber der ursprünglichen Planung weniger brutal ausfielen.

Ein neuer Vorschlag: Mörlenbach untertunneln

Da aber rasch wieder mit den angeblich zu hohen Kosten der bergmännischen Tunnelvarianten argumentiert wurde, entwickelte Noel einen kostensparenden Vorschlag, der in den Planungsakten als Variante M1 geführt wurde. M deshalb, weil diese Variante einen Tunnel in der Mitte von Mörlenbach und damit eine kürzere Streckenführung als die W-Varianten vorsah.
Doch erneut schlugen Planer und Politiker die umweltverträglichen Alternativvorschläge in den Wind. Die Variante O2 wurde im Januar 2014 planfestgestellt. Der BUND reichte im April 2014 Klage dagegen beim Verwaltungsgerichtshof Kassel ein. Die Klage wurde im Juli 2019 abgewiesen.

Einbahnstraßen könnten Staus vermeiden

Doch der Misserfolg vor Gericht hielt Noel nicht davon ab, sich weiterhin mit der Verkehrsproblematik in Mörlenbach zu befassen. Angesichts der Tatsache, dass die Fertigstellung einer Umgehungsstraße noch viele Jahre in Anspruch nehmen würde, machte Noel Vorschläge für eine inner­örtliche Verkehrsführung mit Einbahnstraßen statt Ampeln, um den alltäglich zähfließenden Verkehr zu vermeiden. Doch die Euphorie der O2-Befürworter über den Gerichtserfolg führte dazu, dass keiner der Entscheidungsträger sich mit Noels gut durchdachten Vorschlägen auseinandersetzen wollte.

Auch der Öffentliche Nahverkehr war für Noel ein zentrales Anliegen, weshalb er sich vor rund 10 Jahren in regem Gedankenaustausch mit der IG Pro Schiene und dem Architekten Christoph Wagner über einen weiteren Haltepunkt für die Weschnitztalbahn im Bereich des Mörlenbacher Rathauses befand.

Nachhaltige Energieversorgung - vor Ort und in Indien

Noels Aktivitäten reichten jedoch weit über den Verkehrssektor hinaus. Dabei war für ihn vor allem die nachhaltige Energieversorgung ein Thema, weshalb er sich im 2015 gegründeten Arbeitskreis Energie der Gemeinde Mörlenbach engagierte. Er arbeitete u. a. am Projekt der energetischen Untersuchung von Liegenschaften (Turnhallen, Kindergärten etc.) der Gemeinde mit. Ein Ortsteilwettbewerb führte dazu, dass es zu einem Austausch alter Heizungspumpen mit hohem Stromverbrauch gegen energieeffiziente neue Pumpen kam.

Für Noel war es selbstverständlich, in seinem eigenen häuslichen Umfeld voranzugehen, was die Versorgung mit erneuerbarer Energie betrifft. Als einer der ersten Bürger in Mörlenbach verband er die Errichtung einer Photovoltaik-Anlage auf seinem Haus mit einem Stromspeicher. Im Rahmen seines Engagements in der Bürger-Solar-Beratung ab dem Jahr 2016 stellte er seine Anlage anlässlich eines Tages der offenen Tür der Öffentlichkeit vor.

Als im Mai 2019 eine klare Mehrheit der Mörlenbacher Bürger in einem Bürgerentscheid gegen das seitens der Gemeinde geplante Gewerbegebiet Nordost votiert hatte, machte sich Noel daran, konstruktive Vorschläge für die Nutzung bislang ungenutzter Grundstücke und leer stehender Gebäude in den vorhandenen Gewerbegebieten zu unterbreiten. Seine Vorschläge wurden seitens der Bürgerinitiative, die das Bürgerbegehren in Gang gebracht hatte und der auch der BUND angehört, den Entscheidungsträgern im Mörlenbacher Rathaus unterbreitet.

Wer nun glaubt, Noels Aktivitäten hätten sich auf globales Denken und lokales Handeln beschränkt, der irrt. Durch seine Mitgliedschaft im Freundeskreis EINE WELT e.V. Mörlenbach (FEW) bekam er Kontakt zu indischen Projektpartnern, die er immer wieder in Sachen Solarenergie beriet. Aufgrund Noels Initiative und mit Hilfe finanzieller Unterstützung durch den FEW konnte um die Jahrtausendwende auf einem Altenheim in Dindigul (Bundestaat Tamil Nadu, Südindien) eine solarthermischen Anlage errichtet werden, die noch heute die Bewohner mit warmem Wasser versorgt.

Noel Stanton hinterlässt eine große Lücke

Noel Stantons Tod hinterlässt eine große Lücke beim BUND, was wir in unserer Traueranzeige zum Ausdruck gebracht haben.

 

 

Noel Stanton, über Jahrzehnte ein Wegbegleiter des BUND, engagierter Mitstreiter und Ideengeber.

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