In Biblis droht Auslöschung der wohl größten hessischen Mehlschwalben-Kolonie

05. Januar 2026 | Artenschutz

Der letzte Kühlturm des AKW Biblis beherbergt den größten Teil der einst 423 Brutnester der besonders geschützten Mehlschwalben. Der BUND fordert RWE auf, die für Januar geplante Sprengung zu stoppen. Ersatznester haben die Mehlschwalben bisher nicht angenommen.

Mehlschwalbe im Flug Seltene Mehlschwalbe im Flug [C. Robiller / www.naturlichter.de]

Wildtierschutz Deutschland fordert gemeinsam mit MUNA e.V und dem BUND Bergstraße einen sofortigen Stopp der geplanten Sprengung.

Die Umweltverbände Wildtierschutz Deutschland, MUNA e.V und BUND Bergstraße stellen sich entschieden gegen die geplante Sprengung eines Kühlturms durch den Betreiber RWE (Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG), die bereits im Januar erfolgen soll. Der letzte verbliebene Kühlturm der ursprünglichen Anlage beherbergt den größten Teil der einst 423 Brutnester der besonders geschützten Mehlschwalben. „Mit der Sprengung des letzten Kühlturms wird eine der bedeutsamsten Mehlschwalben-Kolonien in Deutschland endgültig zerstört“, warnt Florinde Stürmer, Pressesprecherin der Tier- und Naturschutzorganisation Wildtierschutz Deutschland. 

Ausschlaggebend ist, dass die vom Bundesnaturschutzgesetz vorgesehenen Ausgleichsmaßnahmen für die Mehlschwalben in der Praxis nicht greifen: „Zwar wurden 2023 kurz vor dem Abriss der ersten beiden 80 Meter hohen Kühltürme an etwa 7 bis 9 Meter hohen Gestellen 423 Mehlschwalbennester bei irgendwelchen Gebüschen angebracht, doch diese wurden bis heute nicht von einem einzigen der Gebäudebrüter angenommen. Vorstand und Geschäftsführung der für den Rückbau der Kühltürme zuständigen Unternehmensbereiche haben völlig verschlafen, den Anforderungen des Bundesnaturschutzgesetzes gerecht zu werden,“ erläutert Florinde Stürmer.

„Bislang gibt es weder einen Brutnachweis an den errichteten Mehlschwalbentürmen noch Beobachtungen von Anflügen. Auch lief in den letzten Sommern keine Beschallung, um die Schwalben an die Nester heranzulocken. Somit gibt es keinen Ersatz für hunderte zerstörter Nester. Laut Bundesnaturschutzgesetz müssen Ausgleichsmaßnahmen erst greifen, bevor die Lebensstätten zerstört werden dürfen“, ergänzt Gaby Weiß. Sie ist Initiatorin des Protestes gegen die Zerstörung der Brutstätten der wohl größten hessischen Mehlschwalben-Kolonie.

Mehlschwalben sind in Deutschland bereits bedroht. Ihren Erhaltungszustand bewertet Deutschland im nationalen Bericht zur Vogelwelt als ungünstig-unzureichend. In der aktuellen Roten Liste der Brutvögel Deutschlands wird die Mehlschwalbe in der Kategorie „Gefährdet“ geführt. Auch in der Roten Liste Hessens gilt ihr Erhaltungszustand als „ungünstig–unzureichend“. „Eine Sprengung des Kühlturms ohne wirksame Ausgleichsmaßnahmen würde automatisch die Vernichtung der Brutplätze einer ohnehin gefährdeten Vogelart bedeuten. Das ist nicht hinnehmbar“, mahnt Guido Carl, Vorstandssprecher des BUND Bergstraße.

Hintergrund

Drei der einstigen Kühltürme des Atomkraftwerks Biblis in Hessen hat der Betreiber RWE bereits gesprengt. Der letzte Kühlturm mit sämtlichen Nestern der Mehlschwalben soll voraussichtlich schon in diesem Januar gesprengt werden. Verantwortet wird der Rückbau durch die RWE Nuclear, deren Geschäftsführer und Ressortvorstand Kernenergie RWE Power AG Steffen Kanitz ist. Die Gesellschaft ist eine 100-prozentige Tochter der RWE AG und wird operativ von der RWE Power AG geführt.

Mehlschwalben sind nach der EU-Vogelschutzrichtlinie (Richtlinie 2009/147/EG) und dem Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt. Nach §44 Bundesnaturschutzgesetz ist es verboten, Fortpflanzungs- oder Ruhestätten wild lebender Tiere besonders geschützter Arten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören. Eine Abweichung von diesem Verbot ist nur zulässig, wenn die ökologische Funktion der betroffenen Lebensstätten im räumlichen Zusammenhang erhalten bleibt. Dies muss bereits vor Beginn des Vorhabens durch wirksame, vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen (sogenannte CEF-Maßnahmen) sichergestellt werden.

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